Indonesien Reisebericht:
Mit einem Hausboot zu den Orang-Utans


 
 
22.07.
Gott, gehts mir gut! Ich sitze - nein, ich throne auf dem Dach eines sogenannten "Klotoks" - eines mittelgroßen Holzbootes mit Verdeck - und schippere wie Hucklyberry Finn einen Fluss stromaufwärts, nur, dass er anders als bei Hucklyberry Fin von riesigen Palmwedeln umsäumt ist. Das Tuckern unseres Bootes hallt hölzern im Palmendickicht wider. Ein eigenartiges Geräusch entsteht, als wenn der Dschungel uns etwas zuraunt, mal lauter, mal leiser, je nachdem wie dicht wir am Ufer vorbeifahren. Wobei Ufer zu viel gesagt ist, denn der Fluss langt in das wuchernde Dickicht hinein, olivgrün wie die Palmen. Der Fluss windet sich stark und wird immer schmaler, und mir ist, als wenn wir fast unbotmäßig eindringen in das Geheimnis des indonesischen Dschungels. A. hat das erste Krokodil gesichtet. Unter Deck ist man ihnen näher, nur 20 cm über dem Wasser. Ich aber genieße den Blick vom Dach des Bootes. Die ganze Beschwernis des Weges fällt von mir ab. Wir sind im Dschungel von Kalimantan!
 

 Ein paar Stunden später ist die Luft von Regen schwanger. Kein Windhauch ist zu spüren. Nur das Zirpen und Pfeifen des Dschun­gels verfängt sich in der Schwere der Luft. Dann brechen ein paar Lichtstrahlen durch die Wolken und zaubern ein Farb­spiel zwischen Grün und Gold. Vorspiel der Dämme­rung. Bambus, hoch aufge­schossen, die Blätter ehrer­bietig zur Erde gebeugt, wuchert in den Fluss. Darüber ragen hohe Bäume, auf denen ein paar kleine Makaken turnen und sich durch all das Gerank und ineinander ver­wobene Geschlinge fitzen. 18.30 Uhr: Es ist dunkel. Die Glühwürmchen blinken wie kleine Sterne im Dickicht. Dort wohnen die Tönen, klare, schrille, warme, und krächzende. Ich sitze still und folge ihnen in den Wald. Mit den Glockentönen falle ich in das weiche Schwarz des Dschungels, mit dem Zirpen stehe ich wieder auf. Die Moskitos surren um die Kerze, neben der ich schreibe. Und Johan hockt in der Kajüte über dem offenen Feuer und schwenkt den Wok. Es duftet schon. Vielleicht gibt es Nasi goreng mit knackigem Spinat, mit Auberginen oder Chicken, vielleicht auch etwas anderes. Ganz gleich. Es wird schmecken.
23.07.

Man kann auch im Dschungel ziemlich schnell rennen, trotz der störrisch aufragenden Wurzeln und all des Geranks drum herum; nämlich dann, wenn man allein durch den Regenwald läuft, und sich das Pfeifen, dem man folgte, nicht als Pfiff des Rangers herausstellt, sondern als Lied eines unbekannten Vogels. Wenn man dann sieht, wie sich die Baumwipfel bedenklich neigen und ein Blätterrauschen immer näher kommt; und wenn man schließlich erkennt, dass die Ursache dessen ein mächtiger rotbrauner Orang- Utan ist, der sich zu uns hinab hangelt; dann rennt man. Weil man ja nie so genau weiß, ob das ein netter Orang- Utan ist, der sich im Nationalpark langsam wieder an die Wildnis gewöhnen soll, oder ein richtig Wilder aus dem tiefen Regenwald, der vielleicht irgendeinen Machtkampf bestreiten will. Wir rennen also, und mit einem Mal klingen all die Geräusche des Regenwaldes lauter und bedrohlicher: Ein Klopfen über uns, ein Zischen neben uns, und dieser betörend hohe Ton, der ständig in der Luft liegt und einen fast wahnsinnig macht. Der Pfad ist schmal, kaum im Dickicht zu erkennen. Und plötzlich ist mir bewusst, dass wir diesen Pfad, den wir meinten, zurück zu rennen, gar nicht entlanggekommen waren. In diesem Moment wird mir heiß, noch heißer, als der Wald eh schon tropische Luft ausatmet. Wo sind die Ranger, von denen Johan sagte, sie würden im Dschungel auf uns warten? Wo sind wir?