Bennos Freundin hat inzwischen mindestens das 5. Bier intus, wodurch ihr Englisch auch nicht besser wird. André traktiert sie auf Deutsch mit esoterisch angehauchten Fragen, die sie wohl nicht einmal in ihrer Muttersprache beantworten könnte. Stattdessen versucht sie Pedro zu ihrer Linken mit Körpereinsatz in die Unterhaltung einzubeziehen, dass es fast peinlich wird. Herman steht schon auf und entfernt sich ein paar Schritte vom Tisch, um tief Luft zu holen. Benno, der anfangs neben mir saß und das Benehmen seiner Freundin kommentarlos beobachtet hatte, wechselt rüber auf ihre Seite. Doch 2 Biere später und nach einem Gang zum Klo setzt sie sich gleich neben Pedro und sabbelt ihn weiter voll. Ach, weißt du, Herman, flüstere ich, ich möchte eigentlich gar nicht wissen, wie das hier ausgeht. Er nickt: Komm, lass uns an der Theke zahlen und gehen!

11. 6. 05 Samstag

Beim Frühstück komme ich mit unseren beiden „Mädchen für alles“, Hermínia und Carmen, ins Plauschen. Beide bedanken sich für das Trinkgeld, das ich ihnen auf meinem Bett in zwei kleinen Umschlägen hinterlassen habe. Hermínias Englisch ist erstaunlich gut, dass ich frage, ob sie auf eine besondere Schule gegangen sei. Nein, meint sie, im Alter von 4 Jahren sei sie mit ihren Eltern nach Canada ausgewandert, mit 11 aber wegen einer kranken Großmutter wieder nach Pico zurückgekehrt. Da sei ihr Portugiesisch aber schon so schlecht gewesen, dass sie wieder in die 1. Klasse eingeschult wurde. Später habe sie aber mehrere Klassen überspringen können. Ich wage nicht zu fragen, warum eine Überfliegerin wie sie dann „nur“ eine Stelle als Zimmermädchen bekommen habe, kann es mir aber denken. Es wird ähnlich sein wie auf der Osterinsel. Für die Grundschulausbildung reicht das kleine örtliche Biotop. Doch zur weiteren Förderung müssten die Kinder aufs Festland geschickt werden in Schulen, die der Staat, wenn überhaupt, nur noch zum Teil finanziert. Kinder, deren Eltern das Geld nicht aufbringen können, haben eben Pech gehabt. Chancengleichheit, ein leidiges Thema. Und auf kleinen Inseln wie Pico wohl gar keins. Hermínia kam also mit einem canadischen Pass zurück und erhielt die portugiesische Staatsbürgerschaft nur, weil sie einen Einheimischen geheiratet hat. Ihre Kinder Jessica und Steven dagegen haben von Geburt an die doppelte Staatsbürgerschaft. Als sie Stevens ausländisch klingenden Namen ins Geburtsregister eintragen lassen wollte, verlangte der Standesbeamte in Faial von Hermínia 40 € extra. Freundin Elisabeth hatte sich seinerzeit auch mit der schwäbischen Bürokratie anlegen müssen, als sie ihr Osterinsel-Kind Felix Vai Manu (Wasservogel) anmelden wollte. Dass ein deutscher Standesbeamte der Sprache Rapanui nicht mächtig ist, wäre ja noch verzeihlich gewesen. Doch er weigerte sich auch nach Vorlage eines  Pascuensischen Wörterbuchs und dem Hinweis, dass der Papa Osterinsulaner ist, glatt, den 2. Vornamen des Kindes zu akzeptieren. Erst als Elisa mit Anwalt und Klage vor dem Verwaltungsgericht drohte, resignierte der Beamte.

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Jetzt am Wochenende sind im Programm eigentlich keine Ausfahrten vorgesehen. Doch Serge hatte vorgeschlagen, das SmD heute nachzuholen, weil wir gestern „nur“ Whalewatching machen konnten. Seinen Zusatz „…, falls noch Plätze frei sind…“ hatte ich wohl überhört. Als ich um 9.00 zur base komme, sind keine Plätze mehr frei. Schade. Das Wetter ist heute besonders schön und das Meer sehr ruhig. Andererseits habe ich nun kein Problem, noch frisches Obst zu kaufen. Gestern hatten die Läden wegen eines Nationalfeiertags geschlossen, heute sollen sie nur bis 13.00 Uhr geöffnet sein. Von einer Ausfahrt wäre ich sowieso zu spät zurück gekommen. Also gehe ich erst einmal die Kisten vor José Luís’ Bar plündern, trinke noch einen Kaffee bei ihm und besorge den Rest, Joghurt und Studentenfutter, im Supermarkt. Beim Auspacken im Zimmer erscheinen Hermínia und Carmen mit einem Stück gelblichem Gebäck auf einer Serviette – ein Brot aus Maismehl, Eiern, Wasser und wenig Zucker, das für das morgige Fest in ihrem Heimatdorf bestimmt sei, sagt sie. Ich koste. – Oh, das ist aber lecker!

Die Damen verschwinden und kommen mit einem ganzen Brotkranz zurück. Ein Viertel davon schneide ich ab und nehme es mit auf meine Wandertour Richtung Westen. Zwei Möhren stecke ich auch ein, falls ich das Pferd noch einmal treffe. Heute steht es angebunden in einem Vorgarten, spitzt schon die Ohren und schnaubt, als ich näher komme. Man kennt sich ja bereits. Das Seil reicht bis zum Zaun. Die Möhre mundet. Das Schmatzen ist nicht zu überhören.