China Transsib Reisebericht: Transsibirische Eisenbahn 

Ta-tamm… ta-tamm… Das ständige Rattern und unaufhörliche Schaukeln der Transsib Waggons läßt mich leicht ins Dösen geraten. Während draußen die karge Landschaft Nordchinas vorbeizieht, gehen mir noch einmal die vielfältigen und unterschiedlichsten Eindrücke und Erlebnisse unserer bisherigen Reise durch den Kopf.

Begonnen hatte alles vor ein paar Wochen in Hongkong, der ca. 6 Millionen Einwohner zählenden englischen Kronkolonie, die bekanntlich Mitte 1997, wenn der 99-jährige Pachtvertrag ausläuft, fast komplett an China zurückfällt. Lediglich Stonecutter’s Island sowie der Stadtteil Kowloon bleiben England erhalten. In Kowloon hatten wir uns ein preiswertes Zimmer gesucht, als wir mitten in der Nacht in der asiatischen Handelsmetropole angekommen waren. Das Zimmer war eigentlich nicht viel mehr als ein schmuddeliges Loch mit zwei Betten, ein paar Haken an der Wand sowie dem obligatorischen Ventilator, der die stickige Luft etwas umwälzte und mit den durch das kleine Fenster eindringenden Gerüchen zu einem muffigen Gemisch vermengte. Nach einer Weile nahm man das Aroma gar nicht mehr wahr - und tagsüber würden wir ohnehin draußen unterwegs sein. Wir, das sind übrigens Lars und ich, Jens, zwei Studenten aus Garbsen bei Hannover. Als das Tageslicht einen Blick aus dem Fenster gestattete, erspähten wir einen grauen Hinterhof, der vor Müll nur so strotzte, denn in mangelndem Umweltbewußtsein wird der Abfall schlichtweg aus dem Fenster gekippt - sehr zur Freude der unten lauernden Ratten, Kakerlaken und Kumpanen. Der sicherlich größte Teil der hiesigen Bevölkerung muß in den Außenbezirken in riesigen anonymen Wohnblocks unter ähnlich einfachen, beengten Bedingungen ein bescheidenes Dasein fristen.

 

Doch die Stadt hat natürlich auch eine andere Seite, die in farbigen Prospekten und auf Postkarten vorgezeigt wird und für das Image als Wirtschaftszentrum verantwortlich ist. Entsprechend bekannt ist der Blick über den ‘Dufthafen’ (nichts anderes heißt nämlich ‘Hongkong’) und die Skyline mit den sich die Berge hinaufziehenden Wolkenkratzern, zu denen seit unserem letzten Besuch vor rund drei Jahren wieder einige hinzugekommen waren. Neben Wohnhäusern sind es hauptsächlich Banken, Versicherungsgebäude und natürlich Hotels der Spitzenklasse, die in allerlei architektonischen Formen dem Himmel entgegenstreben. Dabei darf natürlich nicht vergessen, werden einen Geomantiker heranzuziehen, der beurteilt, ob das Bauvorhaben mit den guten Strömungen von Himmel und Erde in Einklang steht, da sonst Streit drohen kann oder das Geschäft schlecht läuft. Für dieses Fengshui, das sich sowohl in Aberglaube als auch in Alltagserfahrungen mit dem Wohlergehen begründet, existieren etliche Dienstleistungsbetriebe. So mußte in einem Hochhaus ein riesengroßes Loch ausgespart werden, damit den auf dem dahinter liegenden Berg wohnenden Geistern ja nicht der freie Blick auf das Meer versperrt würde.

In den Straßenschluchten herrscht ein geschäftiges Treiben, das sich aus hektischen Geschäftsleuten, die meist mit einem Funktelefon umhereilen, Touristen auf der Suche nach einem preiswerten Schnäppchen sowie den hier ansässigen Chinesen, Indern, Malaien usw. zusammensetzt. Die vielen Menschen und der wenige Platz zwingen sogar die Busse und Straßenbahnen in die Höhe zu streben: sie sind zweistöckig und haben zusammen mit unzähligen gelben Taxis die vereinzelten Rikschafahrer ihrer Arbeit beraubt, die inzwischen mehr durch Photos der Touristen verdienen als durch Fahrdienste. Zwischen den vielen kleinen Läden, Restaurants mit exotischen Speisen und Märkten, von denen einem fremdartige Gerüche um die Nase wehen, wirken die eingestreuten kleinen Tempel wie ruhige Oasen, in denen Opfergaben dargebracht werden und die Luft von Weihrauch erfüllt ist.