Plötzlich fährt der Zug an. Wir brüllen Tim, Beth und den Emmas, die immer noch draußen sind und nichts mitbekommen, zu, sie sollten sich beeilen und schnell einsteigen. Sofort rennen sie in Panik los und schaffen es geradeso, aufzuspringen. Kaum, daß sie ihren Schrecken überwunden haben, hält der Zug aber wieder an und die ganze Aufregung war umsonst. Trotzdem wollen sie den Zug so schnell nicht wieder verlassen.

Die Abteiltür haben wir zum Gang hin geöffnet, um auf beiden Seiten hinausgucken zu können. Ab und zu schauen Russen oder Chinesen hinein, die Geld tauschen oder uns etwas verkaufen möchten. Je dichter wir Moskau kommen, desto dreister werden die Leute: Während sie im Osten nur vom Gang aus reingeschaut oder allenfalls den Kopf durch die Tür gesteckt haben, kommen sie inzwischen ganz ins Abteil und schauen sich ausgiebig um. Da uns das allmählich zu blöd wird, nicht zuletzt, weil wir unsere Kameras offen herumliegen haben, schließen wir die Tür - und sie öffnen sie wieder! Auf einmal kommt ein Russe rein und fuchtelt mit den Händen herum. Wir schauen uns genervt an und zucken mit den Schultern, da wir nicht wissen, was er will. Plötzlich fährt er mit der Hand in die Jackentasche und hält uns eine Pistole unter die Nase! Mein Herz rutscht mir in die Hose und der Puls fängt an zu rasen. O je, denke ich, jetzt holt er alles, was er sich vorher ausgeguckt hat. Nach einer Schrecksekunde schütteln wir dankend den Kopf, denn offensichtlich will er uns die Waffe nur verkaufen!

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Als er weg ist, verrammeln wir die Tür mit dem Stativ und Schnüren und fangen erleichtert an zu lachen. Etwas verunsichert sind wir doch, daß er uns die Pistole andrehen wollte. Ist es in Moskau so gefährlich? Wir erinnern uns an zwei Fernsehberichte, die wir noch vor unserer Abfahrt gesehen hatten. Denenzufolge sind die Züge in Rußland fest in der Hand der Mafia, die diese häufig systematisch ausrauben und nicht selten komplett verschwinden lassen soll. Außerdem gibt es in Moskau wohl zahlreiche Kinderbanden, die sich darauf spezialisiert haben, auf Bahnhöfen westliche Reisende zu überfallen. Vielleicht hätten wir doch auf das Angebot eingehen sollen…

Bei Kilometer 2078 vor Moskau verlassen wir den Bezirk Tjumen und damit Sibirien. Während wir uns in Swerdlowsk auf dem Bahnsteig die Füße vertreten, jagen russische Milizionäre einen chinesischen Schwarzhändler durch den Zug bis in sein Abteil. Cathy, die das alles von drinnen beobachtet hat, erzählt uns später, daß beide offensichtlich zufrieden wieder herausgekommen sind. Scheinbar haben sie sich getreu dem Motto ‘bestechen und bestochen werden’ geeinigt, denn der Chinese hat weiterverkauft, um bis Moskau sämtliche Ware loszuschlagen.

Langsam arbeitet sich der Zug mit zwei Lokomotiven bergauf, denn wir gelangen in den Ural. Dieses Gebirge, das sich längs durch Rußland zieht, erreicht vereinzelt Höhen bis zu ca. 1800 m, aber für die Transsibstrecke hat man eine flache Stelle von rund 500 m gewählt. Daher erscheint es uns nicht sehr bergig und wir merken kaum, daß es bergauf geht. Die Holzhäuser unterscheiden sich kaum von denen Mittelsibiriens. Seit einiger Zeit schauen wir alle nach Süden aus dem Fenster, denn wir wollen nicht den weißen Obelisken verpassen, der an der höchsten Stelle der Bahnlinie bei Kilometer 1777 Asien von Europa trennt. Auf der Ostseite steht auf Russisch ‘Asien’ geschrieben, vorne ‘Asien’ und ‘Europa’ und im Westen ist nur ‘Europa’ zu lesen. Nachdem wir diesen Meilenstein bewundert haben, gönnen wir uns an unserem letzten Abend in der Bahn Sekt und Kaviar, bevor wie üblich hinterher noch etwas gequatscht wird.

Heute geht die Fahrt also zu Ende. Die Zeit verging viel schneller als erwartet, und keiner hat es geschafft, all das zu lesen, was er sich vorgenommen hatte. Der letzte Tag wird mit Packen und dem Vertilgen der letzten Vorräte verbracht. Ansonsten sitzen wir faul herum und warten auf die Ankunft in Moskau. Bislang fällt es schwer, sich vorzustellen, daß wir die ganze Strecke von China bis hierher tatsächlich mit der Bahn gefahren sind. Der Schnee draußen wird zusehends weniger, es wirkt schlammig und wenig einladend. Wir überqueren die Wolga, die noch mit Eisschollen bedeckt ist. In diesem Moment kann ich mir nicht vorstellen, daß ich vor ein paar Jahren weiter südlich in diesem Strom gebadet habe. In Sagorsk, Rußlands wichtigstem Wallfahrtsort, haben wir einen kurzen Blick auf die Kuppeln des Klosters und seine Zwiebeltürmchen mit blauen Dächern und goldenen Sternchen darauf. Gegen 18 Uhr ist es dann soweit, nach über 130 Stunden auf Schienen rollen wir in Moskaus Yaroslawl Bahnhof ein.