„Sie müssen verrückt sein! Ohne offizielle Einladung ist es nicht möglich nach Russland zu fahren. Sie dürften gar nicht hier sein!“, polterte der Botschafter kopfschüttelnd in St. Petersburg (Russland) in seinem Büro. Er meinte uns – 3 Künstlerinnen, einen Fotografen mit Begleitung, einen Techniker und mich, die ein Tagebuch verfasste.
 
Eine österreichische Künstlergruppe hatte  beschlossen einen Waggon aus Russland zu mieten und darin eine Ausstellung, an der 178 Künstlerinnen aus verschiedenen Ländern der Welt teilgenommen hatten, durch das östliche Europa zu transportieren, um diese in Russland Verantwortlichen zu übergeben, die für die Weiterreise der Ausstellung durch neue Landschaften sorgten.
 
 
Die Ausstellung reiste um die Welt und ich durfte sie ein kleines Stück begleiten. Wir schliefen im Zug, aßen im Zug, lebten im Zug – und taten kaum ein Auge zu – waren wir in die Vergangenheit unterwegs? Kilometer für Kilometer schien sich das Leben auf den Dörfern und die Maschinen sowie das Treiben auf den Straßen und Feldern vor unseren Augen zurückzuentwickeln…unser Schlafplatz im nostalgisch russischen Waggon mit den goldbestickten Vorhängen und den alten Holzvertäfelungen ließ keinen Zweifel mehr, dass wir die hoch technisierte Gegenwart verlassen hatten. Waren wir auf dem Weg ins 18. Jahrhundert? Würde uns Katharina, die Große in St. Petersburg empfangen?
 
Österreich – Ungarn – Ukraine – Weißrussland – Litauen – Lettland – Russland – im Zeitraffer.
 
1. und 2. Tag (29. und 30. August 1996)
Österreich – Ungarn: Eine 20-minütige verspätete Abfahrt in Graz durchkreuzte schon am Beginn der Reise den „fixen“ Zeitplan. Noch ist es kein Problem, denn die Abfahrt in Wien erfolgt erst einen Tag später. So kann der Waggon der richtigen Linie angehängt werden.
In der Abenddämmerung rasen wir auf Schienen durch die uns vertraute schöne Landschaft zwischen Graz und Wien, vorbei an grünen Hügeln mit saftigem Gras, hoch gewachsenen Wäldern, Flüssen, modernen Fabriken, stolzen Burgen und hohen Bergen, die in der Ferne zu erkennen sind. Zeitweise rasen moderne Autos auf der mehrspurigen Autobahn mit unserem Zug um die Wette. Vor Wien verschluckt uns zunächst die Finsternis bis wir dort schließlich im Bahnhof bei nächtlicher Beleuchtung einfahren. Unseren riesigen Hunger stillen wir bei einem Stehimbiss. Am Rückweg tasten wir uns über ein Gewirr von Geleisen in der Finsternis an unseren Waggon heran, den wir nicht mehr da finden wo wir ihn verlassen haben, denn er wurde an den Zug angehängt, der uns am nächsten Tag mit in die Vergangenheit nehmen würde. Wir verkriechen uns todmüde in unseren Schlafsäcken. Erst am nächsten Tag erfahren wir, dass wir noch nicht im Waggon hätten schlafen dürfen.