Tragik des Schnellreisens

Die Tage auf dem Mekong sind lang. Dies ist der fünfte und letzte. Längst hast du deine Scheu vor den braunen Fluten überwunden und kühlst dich immer wieder durch eine Sprung ins Wasser ab. Einheimische schwimmen nie, erledigen höchstens ihre Wäsche und Abendtoilette am Ufer. Wenn in manchen tropischen Ländern die Bevölkerung wasserscheu ist und selbst Fischer nur wie Katzen schwimmen können, ist das nicht nur schade, sondern auch ein Zeichen dafür, dass du vielleicht am falschen Orte bist. Es gäbe Riesen-Aale und –Welse, erzählt man dir. „Aber Menschen gehören nicht zur Beute von Fischen. Menschen von Menschen, wohl“ möchtest du den Leuten zurufen. Doch es würde dich keiner versehen. Seltsam, je mehr Menschen getötet werden, desto mehr gibt es, aber es gibt immer weniger Fische, je mehr aus dem Wasser gezogene werden. Andersherum wäre es besser. Eines haben Menschen und Fische jedoch gemeinsam. Es gibt keine großen Fische mehr und keine großen Menschen. Und damit meine ich nicht die großen Persönlichkeiten, die sich massenweise auf Banketten drängen.

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Entlang einem der zahlreichen Bäche, die in Kaskaden in den Mekong stürzen, arbeitest du dich in den Dschungel. Hier soll es Pandabären geben. Worin besteht der Wert der Rettung dieser Tiere? Es ist bloß symbolisch, eine Beruhigung – der Mensch braucht diese Selbsttäuschung. Einerseits rettet er eine Art, die die Fähigkeit zu überleben verloren hat, andererseits beschleunigt er die Zerstörung der Umwelt, die es ihm selbst erst erlaubt, zu überleben. Diese intelligente, absurde Kreatur Mensch kann so gut wie alles ersinnen, von Raketen bis Retortenbabys und doch zerstört er zugleich täglich zwei bis drei Arten. Man glaubt, es gebe keine Steigerungsform von tot. Doch: ausgestorben.

Ein Vogel fliegt auf und lässt sich in dem Netzwerk der Zweige nieder. Eine Schlange stürzt dir zu Füßen von einem Baum. Wenn man Flug und Sturz nicht verfolgt hat, sind Schlange und Vogel kaum zu erkennen, ob sie da sind oder nicht hängt also nur davon ab, ob man ihre Ankunft beobachtete. Vorhanden sein und nicht wahrgenommen werden ist genau so wie nicht vorhanden sein. Du bist meist wie farbloses Wasser im Glas, das rot erscheint, wenn es vor etwas rotem steht und dunkel vor was Schwarzem. Du hältst dich für einen „Nievermissten“, vielleicht nur, weil du zu schnell reist. Wenn die Leute fragten, wo ist eigentlich der mit den Feuerstäben geblieben, bist du, ganz berauscht von dem Gefühl weder erwartet noch vermisst zu werden, schon wieder weg.