Auf dem gleichen Weg, den wir gekommen sind, gelangen wir zurück nach Potosí. Unsere Expedition ist nun zum Stillstand gekommen, das Getriebe ist im Eimer und soll noch heute repariert werden. Es wurde eigens aus Deutschland eingeflogen. Als kleine Entschädigung bezahlt uns der Veranstalter für den unfreiwilligen Aufenthalt zwei erstklassige Hotelübernachtungen in Sucre, der Hauptstadt Boliviens, die an sich nicht vorgesehen waren. Es ist eine ausgesprochene Wohltat, wieder einmal in einem "richtigen" Bett zu schlafen und alle Annehmlichkeiten einer Großstadt in Anspruch nehmen zu können. Angesichts der Osterfeiertage haben viele Restaurants geschlossen, so daß wir an diesem Abend nicht einheimisch, sondern chinesisch essen gehen müssen.

Dinosaurierspuren

    Am heutigen Ostersonntag haben viele Kirchen, die sonst tagsüber geschlossen sind, geöffnet. Als wir die Kathedrale verlassen, wo gerade mit einem bombastischen Choral der Ostergottesdienst abgehalten wird, spricht uns auf der Straße ein Mann auf englisch an, ob wir nicht Lust hätten, an einer Exkursion teilzunehmen. Wir würden es auf keinen Fall bereuen, meint er, und würden unser Geld zurückerhalten, wenn wir danach nicht vollauf zufrieden wären. Der Mann stellt sich mit dem Namen Klaus vor; er sagt, er sei als Dozent an der Universität beschäftigt und würde nebenbei mit deutschen Kamera-Teams Filmaufnahmen machen. Als wir auf die offene Ladefläche eines Kleinlastwagens klettern, finden wir dort an weiteren Exkursionsteilnehmern eine alleinreisende Französin vor, die offenbar im Bus von Potosí nach Sucre einen Israeli kennengelernt und sich ihm angeschlossen hat, sowie einige nicht näher bestimmbare Latinos. Nachdem wir als letzte Teilnehmer bezahlt haben, setzt sich uns Gefährt in Bewegung, zunächst durch die engen Häuserschluchten der Stadt, um dann über den Dächern in immer luftigere Höhen dem Gebirge zuzustreben. Mit phantastischen und sonnigen Ausblicken auf die Häuserfronten und Kirchen der Weißen Stadt nähern wir uns hoch über Sucre einer Zementfabrik, wo durch die Abtragung eines Gebirgsstocks die größte Anzahl jemals auf der Welt gefundener Dinosaurierspuren zum Vorschein gekommen ist. Angeblich sollen es an die 5000 Fußabdrücke aller möglichen Gattungen dieser urweltlichen Echsen sein, die bisher freigelegt wurden. Die zwischen Handgröße und Durchmessern von bis zu 120 cm großen Fußabdrücke erstrecken sich zum Teil über eine Länge von schätzungsweise hundert Metern über die gesamte Felswand. Viele davon werden unaufhaltsam der Zerstörung anheimfallen, weil gewisse Schichten, die in dem weichen Gestein durch Regenfälle ausgewaschen wurden, nicht konserviert werden können. Somit müssen Photographien und Gipsabdrücke angefertigt werden, die an namhafte Schweizer Wissenschaftler, sogenannte Paläontologen, zur Auswertung eingeschickt werden. Anschließend sind die Originale, wie oben erwähnt, dem Verfall preisgegeben, aber so viele verlorengehen, so viele werden wöchentlich neu entdeckt. Wie erklärt es sich nun, daß Dinosaurierspuren in dieser Höhe von fast dreitausend Metern gefunden werden. Nun, ursprünglich befand sich an der Stelle, wo sich diese fossilienhaltigen Gesteinsschichten gebildet haben, ein gewaltiges Meer, dessen Ablagerungen im Zuge der andinen Faltung, als sich die Nazca-Platte auf die pazifische Platte schob, auf diese Höhe gehoben wurden, und nur dem Zufall der Zementgewinnung ist es zu verdanken, daß sie freigelegt wurden. Als während der Kreidezeit noch zahlreiche Vulkane die Erde bevölkerten, haben vermehrt Aschenregen an einem einzigen oder vielleicht an zwei Tagen alles Leben zugedeckt. Somit blieben in dem feuchten Untergrund und durch den mit der Zeit sich ergebenden Druck der aufliegenden Gesteinsschichten diese Spuren einer einst artenreichen Reptilienart bis auf den heutigen Tag erhalten, zusammen mit den Muscheln des Urmeeres und den damals existierenden Pflanzen. Es finden sich Spuren des Tyrannosaurus Rex ebenso wie solche des Allosaurus, des Triceratops und eines sogenannten Ancyrosaurus, den die Wissenschaft wegen seiner hohen Fortbewegungsgeschwindigkeit für einen Warmblüter ansieht. Demnächst soll ein Artikel in Bild der Wissenschaft zu diesen Funden erscheinen, versichert uns Klaus, und vor uns breitet er auf dem Boden eine Sammlung aller hier gefundenen Saurierarten aus, wie sie seine Kinder im Kindergarten zum Spielen benutzen. Er teilt uns auch mit, daß er es noch nie erlebt habe, daß es hier an Ostern geregnet habe, und unkt, die Straße nach La Paz könne möglicherweise auf einer Länge von 120 km unpassierbar sein. Dann säßen wir hier fest. Auch gäbe es Zeitungsberichte, meint er, wonach erst kürzlich wieder zwei Landrover im Salzsee von Uyuni, den wir wohlweislich umfahren haben, versunken seien.

Suche nach Eldorado

    In der Umgebung von Sucre verlaufen drei bekannte Trails, darunter der berühmt-berüchtigte Chorro Trail, auf dem es immer wieder vorkommt, daß Touristen überfallen und ausgeraubt werden. Dieses Schicksal ereilte auch zwei aus unserer Gruppe, denen man durch Trickdiebstahl die Geldbörse entwendete. Vorsicht ist daher geboten, wenn sich jemand als Drogenkontrolleur ausgibt und man in eine dunkle Seitenstraße komplementiert wird. Die Täter sind meist in der Übermacht und tauchen im Gedränge schnell unter. – Da wir am Abend frühzeitig auf unserem Campingplatz eintreffen, verbleibt noch genügend Zeit für ein Bad in dem etwas oberhalb der Anlage gelegenen natürlichen Thermalsee, einem mit einer heißen Quelle gefüllten ehemaligen Krater. Dieser See liegt idyllisch zwischen steilen Felsabstürzen eingebettet, und das Wasser besitzt Badewannentemperatur. Es ist ein herrliches Gefühl, in 3500 m Höhe mitten im Gebirge ein wohltuendes und entspannendes Bad zu nehmen, inmitten einer urzeitlichen Landschaft roter Erosionsgesteine, ein Erlebnis, das man um keinen Preis missen möchte. 
    Außerhalb der ausgewiesenen Nationalparkgebiete ist es in den Anden schwierig, auf freier Wildbahn noch Tiere anzutreffen. Zu den letzteren zählen die Andengans, der Andenflamingo, die Discachas, eine Murmeltierart, das Meerschweinchen, das Chinchilla, der Puma, der Andenhirsch, die Guanakos, die Vicuñas, eine Wildform des Lamas, der Kolibri, der Bergfink, das Erdhörnchen, das Gürteltier, der südamerikanische Graufuchs, der Caracara, der Rote Milan, der Raben- und Truthahngeier und der Kondor, der König der Anden. Es ist verboten, den Kondor zu fangen. Der Fänger legt sich dazu unter einen verendeten Esel und springt hervor, sobald der Kondor sich vollgefressen hat und nicht mehr starten kann. Der gefangene Kondor wird bei Festen von den Indios auf einen Stier gebunden, auf den er dann einpickt und schließlich als Sieger aus diesem Kampf hervorgeht. Nachdem er mit Maisbier getränkt wurde, läßt man ihn fliegen. Stürzt er ab, wird dies als schlechtes Zeichen gewertet, entschwindet er in den Lüften, ist es ein gutes.